Der Kreis von Münster
Theobald von Oer: Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in Münster-Angelmodde. Ölgemälde, 1863/64

Der aus Münster stammende Maler Theobald von Oer (1807–1885) stellte das großflächige Ölgemälde, das den "Kreis von Münster" im Jahre 1800 auf dem Landsitz der Fürstin von Gallitzin in Münster-Angelmodde zeigt, 1863/1864 in Dresden fertig. Familien der rheinischen und westfälischen Aristokratie unterstützten den verarmten, adeligen Künstler finanziell bei der Schaffung des Historienbildes. Anschließend wurde es dem Bischof von Münster geschenkt und sollte als eine Art "Auftragsarbeit" zur Unterstützung der katholischen Kirche aufrufen, deren gesellschaftspolitische Einflussnahme im preußischen Staat zunehmend geschwächt worden war. Das Bild ist historisierend, eine Zusammenkunft in dieser Form hat nicht stattgefunden, seine Intention ist daher idealisierend.

In den Mittelpunkt des Gemäldes wurde Fürstin Amalie von Gallitzin, die zentrale Integrationsfigur des Kreises von Münster, gerückt. Auf dem Bild reicht Fürstin von Gallitzin dem Grafen Leopold zu Stolberg die Hand, der am 1.6.1800 zum katholischen Glauben konvertierte. Neben ihm ist seine zweite Gemahlin, Gräfin Sophie, zu sehen, die acht Jahre später mit der großzügigen Spende von 20.000 Reichstalern ihren Beitrag zur Errichtung des Ordens der Barmherzigen Schwestern leisten sollte.

Rechts hinter der Fürstin steht der Schulreformer Bernhard Overberg, der 1789 in ihr Haus in der Grünen Gasse gezogen war und auch als Beichtvater der Fürstin fungierte. An Overbergs rechter Seite ist Clemens August von Droste-Vischering, der spätere Kölner Erzbischof, abgebildet, der die Begegnung der beiden prominenten Konvertierten aus seinem Freundeskreis ergriffen, mit der linken Hand auf dem Herz, verfolgt. Zwei Brüder von Clemens August waren dem Gallitzin-Kreis ebenfalls sehr verbunden. Links von ihm steht Franz Otto, und Caspar Max unterhält sich mit Marianne Prinzessin Gallitzin, der gemeinsamen Tochter der Fürstin und des Fürsten Gallitzin. Von der rechten Bildseite aus beobachten die Gelehrten Kistemaker, Sprickmann und Katerkamp das Geschehen.
Bei dem jungen Priester, der im Bildhintergrund zum Kruzifix betet, handelt es sich um den Prinzen Dimitrij Gallitzin, dem Bruder Mariannes, der nach seinem Vater benannt worden war. Bereits einige Jahre vorher war er nach Amerika ausgewandert, um dort missionarisch zu arbeiten. Dieser räumlichen Distanz wurde auf dem Gemälde, ebenso wie der ständigen geistigen Präsenz des Sohnes, stilisierend Ausdruck gegeben. Der vom linken Bildrand ankommenden Gruppe geht der Theologe Kellermann voran, mit ihm die beiden Söhne des Grafen Stolberg, für die er als Hauslehrer verantwortlich war.

Anfänglich hatte man sich zu einem literarisch-philosophischen Zirkel zusammengefunden, der – dem Geiste der Aufklärung entsprechend – ein pädagogisches Umdenken im Sinne des humanistischen Bildungsprinzips propagierte. Der einflussreiche Minister Franz von Fürstenberg (1729-1810) konnte diese fortschrittlichen Ideen politisch erfolgreich umsetzen (1773 Gründung der Universität, 1775 Errichtung des "Komödienhauses" in der sog. "Alten Fleischscharne" am Roggenmarkt, 1776 Medizinalverordnung, bis 1788 Schulreform). Ein Hauptanliegen des Gallitzin-Kreises stellte die karitative Beschäftigung mit den gesellschaftlich Schwachen dar. Die katholische Kirche sollte – alleinverantwortlich – für die Schaffung von sozialen Einrichtungen wie die Armen- und Krankenfürsorge aufkommen. Dieser Lösungsweg, der dem Staat seine soziale Verantwortung abnahm, kam sowohl den französischen als auch den preußischen Machthabern zunächst sehr gelegen. Mit der Industrialisierung sollte die "soziale Frage" dann zu einem grundlegenden Streitpunkt zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat werden, der während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu heftigen Auseinandersetzungen führte. In der späteren Phase, die äußerlich von Konversionen zum Katholizismus geprägt war, wandelte sich der "Kreis von Münster" hin zu einer tiefen, religiösen Innerlichkeit, die bezeichnend wurde für die deutsche Frühromantik. Die Verbreitung des katholischen Glaubens und Weltbildes wurde zu einer missionarischen Aufgabe, die asketische Lebensform zu einer vorbildlichen erklärt und der kulturelle Fortschritt nunmehr abgelehnt. Graf Stolberg verfasste das 15-bändige Werk "Geschichte der Religion Jesu Christi", das nicht mehr dem humanistischen, sondern dem religiösen Bildungsprinzip entsprach. Nicht nur die romantische Rückbesinnung auf die idealisierten Werte des Mittelalters, die auch der "Kreis von Münster" fortan propagierte, löste diese rückwärts gerichtete Lebensanschauung aus. Auch die Befürchtung, daß der katholischen Kirche durch die weltlichen Machthaber jeglicher Einfluß auf das öffentliche Leben genommen werden könnte (Laizismus), verursachte diese Art der Flucht in die Religiosität mit. Eine Vielzahl von reaktionären Schriften versuchte über lange Zeit hinweg, den Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche (Klerikalismus) zu stärken. Demgegenüber standen einige Kritiker, Befürworter eines modernen Staates, die weiterhin die Ideen der Aufklärung verbreiteten. Sie bezeichneten den "Kreis von Münster" nun spöttisch als "familia sacra". "Galliziniaden und travestirte Overbergs, und verwandelte Stollbergs mönchisiren schon wieder durchs Münsterische Wochenblatt immer mehr in die späteren Klassen hinab." Aber auch nachdem der "Kreis von Münster" nicht mehr bestand, blieb sein weitreichender geistiger Einfluß erhalten und seine antipreußische Einstellung fand beim westfälischen Adel großen Zuspruch. Als der Kölner Erzbischof, der Münsteraner Clemens August von Droste-Vischering 1837 von der preußischen Regierung verhaftet wurde, eskalierten diese Gegensätze in dem Kölner Kirchenstreit um die Mischehen.

(Quelle: Silke Elsermann: Münster in napoleonischer Zeit. Münster 1994 (=Westfalen im Bild, Reihe: Historische Ereignisse in Westfalen. Hg. von Wolfgang Linke. Heft 8), Dia 04, S. 21f.)